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Beispiele zu systemischem Konsensieren

Wie funktioniert systemisches Konsensieren in der Praxis? Was haben wir erlebt?

Hier sind zwei Beispiele zu systemischem Konsensieren.

Beispiel 1: An welchem Wochentag wollen wir uns regelmäßig treffen?

2016 haben Bernd und Jürgen systemisches Konsensieren und Konsent-Moderation in einem Blog-Eintrag nebeneinander gestellt, und zur Veranschaulichung des systemischen Konsensierens dieses einfache Beispiel verwendet, weil diese Frage in der Praxis oft vorkommt:

An welchem Wochentag wollen wir uns regelmäßig treffen?

Da ist es gut, wenn man neben der Mehrheitswahl oder der Order de Mufti (einer entscheidet) noch andere Verfahren wie systemisches Konsensieren kennt und anwenden kann.

Damals war mir wichtig, moderne kooperative Verfahren zur Entscheidungsfindung zu präsentieren, die effektiv und wirksam sind. Inzwischen möchten wir auch betonen, dass systemisches Konsensieren (und auch der Konsent) kreativitätsfördernde und konfliktlösende Methoden sind.

 

Warum konfliktlösend?

Es geht nicht darum, dass ein Vorschlag gewinnt, sondern dass wir uns viele Vorschläge anschauen und unseren Widerstand dazu messen. Damit verändert sich die Gruppendynamik, und wir bewegen uns aufeinander zu. Das erreichen wir durch Wertschätzung für jeden Vorschlag und der Trennung zwischen Mensch und Vorschlag. Wenn wir den Menschen zuhören und verstehen wollen warum sie hohen Widerstand gegen unseren Vorschlag haben, ist es sehr leicht auch ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen und nach einer Lösung zu suchen, die alle einbezieht.

Warum kreativitätsfördernd?

Jeder kann Vorschläge einbringen. Und wir können unsere Vorschläge verbessern, damit andere weniger Widerstand haben.

Wie funktioniert das jetzt mit dem einfachen Beispiel der 5 Wochentage?
Wo ist da die Kreativität?

Tatsächlich war das Beispiel in Blog rein fiktiv. Ich habe es kurz darauf allerdings auch real angewendet und kam zu diesen Widerstandswerten:

Daraus lässt sich ableiten:

  • Gegen Donnerstag und Freitag gibt es hohe Widerstände
  • Keinen festen Wochentag zu verwenden (also die Passivlösung: es bleibt alles wie es war) hat noch höhere Widerstände
  • Der Abstand zwischen Mo, Di und Mi ist beim Widerstand noch geringer als bei der Zustimmung.

Als Moderator stand ich vor dem Flipchart und dachte mir: und jetzt? Wir haben kein eindeutiges Ergebnis. Was tun?

Da kam aus von einem Teilnehmer der kreative Vorschlag: Wie wäre es, wenn wir uns abwechselnd Mo, Di und Mi treffen? Dann verwenden wir die Tage an denen wir am wenigsten Widerstand haben und es trifft nicht immer die gleichen, sondern jeden alle 3 Monate einmal.

Dieser Vorschlag wurde mit Null Widerstand angenommen.

Das ist ein schönes Beispiel, wie eine Gruppe in einer kooperativen Grundhaltung kreativ werden kann.

 

Beispiel 2: Zeitplan für Workshop mit Teilnehmern bestimmen

Das zweite Beispiel ist tatsächlich auch so passiert. Diese Geschichte zeigt wie sich die Stimmung von Widerstand zu Kooperationsbereitschaft verändert.

Ein Seminarleiter ließ mit SK über die Seminarzeiten abstimmen. Die zehn Teilnehmer sollten eine Lösung finden, wie 15 Seminarstunden auf drei Tage zu verteilen sind.

Nach der Vorschlagssammlung und der Abstimmung hatte zunächst ein Vorschlag mit 70 % Akzeptanz gewonnen.

Der Seminarleiter fragte: „Hat da nicht bei diesem Vorschlag eine Person noch 10 Widerstandspunkte gegeben?“ Eine Person meldete sich: „Ja, das war ich. Am Sonntag um 9:00 Uhr ist mir zu früh. Da komme ich nicht.“

Eine weitere Person schlug daraufhin vor: „Dann fangen wir eben am Sonntag um 9:30 Uhr an.“

Dieser Vorschlag wurde anschließend mit einer Akzeptanz von 93 % gewählt. Die Person, die zuvor noch 10 Widerstandspunkte gegeben hatte, hatte nun nur noch 7 gegeben, alle anderen Teilnehmer hatten den Vorschlag mit „null“ bewertet.

Ganz erstaunt fragte die Person: „Ich verstehe nicht, was gerade passiert ist. Die anderen mir doch entgegengekommen. Warum geben sie plötzlich gar keinen Widerstand mehr?“

Der Seminarleiter antwortete: „vielleicht wollten sie dich einfach dabei haben“. Daraufhin meinte der Teilnehmer: „Mein innerer Widerstand schmilzt gerade auf nur noch 3 Widerstandspunkte.“

Womit der Vorschlag eine Akzeptanz von 97 % erreicht hatte. Mit einem Mal veränderte sich die Atmosphäre im Raum. Alle Anwesenden erlebten ein Gefühl der Rührung und Verbundenheit. Mit SK war in kürzester Zeit ein gemeinsamer Spirit entstanden.

Der Teilnehmer erschien an besagtem Sonntag pünktlich um fünf Minuten vor halb zehn.

 

Jürgen und Bernd

Wer denn wenn nicht wir? Workshops zu Soziokratie und Systemisches Konsensieren auf dem Klimaherbst Think Tank

Wer denn wenn nicht wir?
Workshops zu Soziokratie und Systemisches Konsensieren auf dem Klimaherbst Think Tank

Der ThinkTank war eine gemeinsame Veranstaltung von BenE München, dem Netzwerk Klimaherbst und dem Referat für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt München, mit Unterstützung durch David Weingartner von Oui Share und vielen ehrenamtlichen Helfern.

Die Einleitung der Zusammenfassung (siehe unten in diesem Absatz) fasst die Motivation ganz gut zusammen:

Praktisch anwenden statt theoretisch analysieren. Zusammen wirken statt alleine meckern.

Es ging um Initiativen und Methoden aus einem breiten Spektrum: Energie, Ernährung, Finanz- und Geldwirtschaft, Stadt-Planung, Repair’n’Recycle, Mobilität, Bildung für nachhaltige Entwicklung (u.a. mit Theorie und Praxis rund um U-Theorie) und „allgemein“ (u.a. Soziokratie und Systemischen Konsensieren).
In  12 Vorträge, 21 Workshops, Marktplatz mit 40 Ständen und einem Filmraum wurden 450 Münchnerinnen und Münchnern präsentiert, wer alles rund um Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit in München aktiv ist.

Eine Broschüre mit der Übersicht und Zusammenfassung aller Beiträge finden Sie auf der Webseite von BenE München (rechts oben klicken), und auch die Bilder von Fabian Norden.

„Unsere“ Workshops

Diesem Beitrag berichtet speziell von den Workshops zu Soziokratie und Systemischem Konsensieren – ein Überblick über die Workshops, die Präsentationen, Impressionen und Feedback aus dem Publikum.

Soziokratie Systemisches Konsensieren Workshop Think Thank

Die Aktiven: Thomas Schwab, Annemarie Schallhart, Smaranda Keller, Christian Hampel, Jürgen Olbricht und Bernd Bötel

Insgesamt gab es zu diesem Thema vier Workshops – ein Überblick zu Soziokratie und ihren Vorteilen, zum Systemischen Konsensieren mit Praxisbeispiel, der Konsent der Soziokratie als Wir-Kultur zum Mitmachen, und einen gemeinsamen Workshop Konsent und Systemischem Konsensieren.

Das Feedback einer Teilnehmerin, alle vier Workshops besuchte, war:
Die Soziokratie und Systemisches Konsensieren Workshops waren wirklich Klasse. Warum lerne ich jetzt erst etwas über solche Methoden?

 

Annemarie Schallhart – Zusammenarbeit auf Augenhöhe – Soziokratie für jede Organisation

Annemarie Schallhart. Foto: Fabian Norden

annemare schallhart präsentation

Kurzfassung:

Soziokratie verbessert die Kooperationsfähigkeit, die Selbstorganisation, erleichtet Übernahme von Mitverantwortung, ermöglicht ganzheitliche Entfaltung des Einzelnen und verbessert das Innovationspotential von Organisationen.

Gerade bei selbst-organisierten Unternehmen mit einem sinnvollen Organisationszweck (evolutionären Organisationen im Sinn von Frederic Laloux) ist Soziokratie ein perfekte Ergänzung. Annemarie Schallhart zeigte auf wie Soziokratie auch für andere Organisationen diese Schlüsselkompentenzen etablieren kann:

  • Bei Behörden  liegt der Schwerpunkt meist auf Sicherheit und klare Regeln. Entscheidungen zentral getroffen werden.
    Hier kann die Soziokratie mehr Mitverantwortung und Selbstständigkeit fördern, und über Feedback zusammen mit der Führungsmannschaft gemeinsames Lernen geübt werden.
  • In Unternehmen herrscht meist Gewinnmaximierung und Konkurrenzdenken vor. Rationale Entscheidungen führen zu Kompromissen.
    Die Ausrichtung auf gemeinsame Ziele führt vom Kompromiss zu kreativen Ideen und Konsent (Zustimmung) , zusammen mit Transparent vermeidet Soziokratie Auswüchse des Konkurrenzdenkens wie Intrigen und Mobbing.
  • Bei Vereinen und Initiativen liegt der Fokus eher auf dem Sinn und nachhaltigem Wirtschaften. Sie bieten meist viel Partizipation und (zu) viele Freiräume. Entscheidungen erfolgen im Konsens (Übereinstimmung). Soziokratie führt zu funktionalen Strukturen und effizienten Entscheidungsprozessen und kann laterales Führen ermöglichen.

Die Präsentation von Annemarie Schallhart finden Sie auf ihrer Webseite unter http://www.schallhart.com/downloadfiles/Soziokratie-Klimaherbst-2016.pdf

Stimmen aus dem Publikum:

  • Da das ein neues Thema für mich war, war der Rahmen sehr knapp und man konnte nicht richtig eintauchen. Trotzdem war der Workshop sehr interessant. Das Prinzip Soziokratie wurde durch einen sehr praktischen Ansatz vorgestellt. Es kann in den drei Bereichen Behörde, Unternehmen und Verein angewendet werden, obwohl diese sehr unterschiedlich sind.“

Soziokratie – Wir-Kultur ist lernbar – Einführung und praktische Übung

Kurzfassung:
Die Arbeitsgruppe Soziokratie von BenE München (Christian Hampel, Smaranda Keller, Thomas Schwab und Jürgen Olbricht) boten nach einer kurzen Einführung in Soziokratie die Möglichkeit die Konsent-Moderation an einem allgemeinen Thema, dem Familienauto, zu erleben.

soziokratie-praxis-workshop-themaErfreulicherweise stellte sich auch Thomas Jäger als Moderator zur Verfügung, so dass fünf Gruppen das Thema parallel in Informationsrunden, Meinungsrunden und Konsent-Beschluss (also ohne schwerwiegende Einwände) ausprobieren konnten.

Die Präsentation, also die Einführung und die Beschreibung des Themas, finden Sie hier.

Stimmen aus dem Publikum:

  • Es gab eine theoretische Einführung in die Soziokratie-Theorie. Anschließend konnten wir in einem Praxis-Teil in Gruppenarbeiten das Gelernte erleben. Die praktische Übung war wichtig, um die Theorie zu verstehen.
  • Soziokratie hört sich groß (und kompliziert an), „Wir-Kultur ist lernbar“ ermöglicht einen guten Einstieg.

Systemisches Konsensieren

Bernd Bötel (Foto :Fabian Norden)

Bernd Bötel (Foto :Fabian Norden)

Kurzfassung:

Systemisches Konsensieren fördert kreative Lösungen, die einem Konsens oft sehr nahe kommen. Alle Teilnehmenden einer solchen Abstimmung können Vorschläge einbringen. Jeder kann jeden Vorschlag einzeln mit 0 bis max. 10 Widerstandspunkten bewerten, je nachdem, ob er keinen Einwand oder einen starken Widerstand gegen den Vorschlag empfindet. Ein Moderator fragt: „Wie groß ist euer Widerstand gegen Vorschlag A (B, C, D…)?“ Die Teilnehmenden halten anschließend eine entsprechende Anzahl von Fingern in die Höhe. Der Vorschlag, der den geringsten Gesamtwiderstand erzeugt, gewinnt die Abstimmung. Auf diese Weise wird derjenige Vorschlag gewählt, dem es am besten gelingt, die unterschiedlichen Wünsche und Bedürfnisse in der Gruppe zu integrieren.

Während die herkömmliche Mehrheitswahl eine polarisierende Wirkung hat, unterstützt SK eine Gruppendynamik, in der sich alle aufeinander zu bewegen. Dies funktioniert prinzipiell in Gruppen jeder Größe und unabhängig vom „guten Willen“ der Beteiligten. SK setzt keine besondere Schulung oder kooperative Haltung bei den Teilnehmenden voraus. In großen Gruppen können Online-Werkzeuge (siehe www.konsensieren.eu) für die Abstimmung eingesetzt werden.

Im Workshop wurden sowohl schnelle Varianten etwa für einfache ja-/nein-Entscheidungen besprochen als auch ausführliche Varianten für wichtige Gruppenentscheidungen. In der ausführlichen Variante folgt nach einem Stimmungsbild nach dem SK-Prinzip und vor der abschließenden Abstimmung eine kreative Phase, in der die Teilnehmenden die Widerstände gegenseitig erkunden, um die Vorschläge weiterzuentwickeln. Für die Anpassung der Vorschläge können diese Fragen verwendet werden: „Welche Bedürfnisse sind für Dich bei meinem Vorschlag nicht erfüllt?“, „Wie könnte ich meinen Vorschlag so verändern, dass Du weniger Widerstandspunkte gibst?“

Die Präsentation ist hier nicht hinterlegt, da die Inhalte fast vollständig davon auf der Seite Systemisches Konsensieren eingearbeitet ist.

Stimmen aus dem Publikum:

  • Das Ganze wurde sehr lebendig vorgetragen und war mit einer Übung sehr anschaulich dargestellt. 

 

Konsent in der Soziokratie und Systemisches Konsensieren + sich ergänzende Methoden

Kurzfassung:

Konsent und Systemisches Konsensieren lassen sich vergleichen, da beide Entscheidungsmethoden sind. Die Soziokratie ist eine Organisationsmethode, die mehr umfasst als den Konsent.

Beide Methoden wurden gegenüber gestellt, Gemeinsamkeiten, Unterschiede und besondere Eigenschaften beleuchtet.

Wenn eine Gruppe sich noch nicht so gut kennt, ist das Systemische Konsensieren ein einfacher Einstieg in gemeinsame Entscheidungen.

Wie lassen sich beide Methoden kombinieren?

  • Konsensieren im Konsent: schnelles Stimmungsbild einholen.
  • Konsent beim Systemischen Konsensieren: Vorbereitung von Vorschlägen in Kleingruppen.

Die Präsentation finden Sie hier.

Stimmen aus dem Publikum:

  • Mir hat die Frage-Session am besten gefallen, da hier ein unmittelbarer Austausch mit den Teilnehmern stattfand. Toll war auch, Bernd Bötel und Annemarie Schallhart persönlich kennen zu lernen

Fazit und Ausblick

Ich zitiere BenE München (aus der ganz oben erwähnten Broschüre):

Die Premiere des Think Tank 2016 ist gelungen. Als neues Format im Rahmen des Münchner Klimaherbstes bot der Think Tank 2016 eine wichtige und vor allen Dingen persönliche Vernetzungsplattform, die es in diesem Rahmen und Umfang in München noch nicht gab.

450 MünchnerInnen besuchten den ganztägigen Klimaherbst Think Tank. 

Der Erfolg des ersten Think Tanks im Rahmen des Münchner Klimaherbstes bereitet den Boden für eine Wiederholung 2017. Die Alte Kongresshalle ist bereits für den 07. Oktober 2017 reserviert. Das Organisationsteam steht für eine erneute Planung, Organisation und Umsetzung bereit und freut sich auf den Think Tank 2017.

Auch uns (Aktiven) hat das Format gut gefallen, und wir haben schon Ideen für 2017. Die gemeinsamen Anstrengungen und Präsentationen von Soziokratie und Systemischem Konsensieren gab auch den Ausschlag, diese Plattform zum Austausch über diese beiden Entscheidungsmethoden ins Leben zu rufen (ähnliche Methoden dürfen gerne folgen).

(Bernd Bötel und Jürgen Olbricht)