Systemisches Konsensieren

Systemisches Konsensieren

Bei dieser Entscheidungsmethode wird Widerstand statt Zustimmung gemessen. Wie viel Widerstand habe ich gegen die einzelnen Lösungsvorschläge? Das ist meist feiner unterscheidbarer als Zustimmung oder Enthaltung. Der Widerstand kann recht schnell ermittelt werden, entweder mit Handzeichen (kein Widerstand, Widerstand und erheblicher Widerstand) oder mit den 10 Fingern (0 bis 10).

Damit erhält man auch in großen Gruppen schnell ein Stimmungsbild. Da Konsensieren davon kommt, dass man nahe an den Konsent will, ist der nächste Schritt dann zu ermitteln, warum einzelne Personen hohe Widerstände haben und herauszufinden, was das ändern könnte. Damit kann gemeinsam nach einer besseren Lösung gesucht werden.

Systemisches Konsensieren: einfach – schnell – konfliktlösend

Diese Methode ermöglicht kreative Lösungen, die einem Konsens oft sehr nahe kommen und ist für Gruppen jeder Größe anwendbar. Das Besondere: Sie funktioniert sehr einfach und schnell und wirkt dabei konfliktlösend.

Die konfliktlösende Wirkung ist die erstaunlichste Eigenschaft dieser Methode, denn wir kennen das von der Mehrheitswahl anders: Die Mehrheitswahl wirkt polarisierend, da sie immer Sieger und Verlierer erzeugt. Beim Systemischen Konsensieren können alle zunächst kreativ werden, sie müssen aber schon im Eigeninteresse versuchen, alle Wünsche und Bedürfnisse in der Gruppe einschließlich von Minderheiten optimal in ihren Vorschlägen zu berücksichtigen, denn nur, wer sich so verhält, bekommt die Chance, dass sein Vorschlag gewählt wird. Systemisches Konsensieren verändert daher die Gruppendynamik. Alle bewegen sich aufeinander zu. Warum ist das so? Beim Systemischen Konsensieren wird nicht die Zustimmung zu verschiedenen Vorschlägen, sondern deren Konfliktpotenzial gemessen.

Das Grundprinzip:

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Abb.1

Alle Teilnehmenden einer solchen Abstimmung können Vorschläge einbringen. Jeder kann jeden Vorschlag einzeln mit 0 bis max. 10 Widerstandspunkten bewerten, je nachdem, ob er keinen Einwand oder einen starken Widerstand gegen den Vorschlag empfindet. Ein Moderator fragt: „Wie groß ist euer Widerstand gegen Vorschlag A (B, C, D…)?“ Die Teilnehmenden halten anschließend eine entsprechende Anzahl von Fingern in die Höhe. Der Vorschlag, der den geringsten Gesamtwiderstand erzeugt, gewinnt die Abstimmung. Wir sprechen dann auch von der „größten Akzeptanz“. Auf diese Weise wird derjenige Vorschlag gewählt, dem es am besten gelingt, die unterschiedlichen Wünsche und Bedürfnisse in der Gruppe zu integrieren.

Häufig wird zu den gesammelten Vorschlägen noch die sog. „Nulllösung“ oder auch „Passivlösung“ hinzugefügt. Sie bedeutet: „alles bleibt beim alten“ oder „wir treffen gar keine Entscheidung“. Die Nulllösung wird von den Teilnehmenden der Abstimmung genauso bewertet, wie jede andere Lösung auch.

Ein Beispiel

In einem Unternehmen hatten sieben Arbeitsgruppen für ein schwieriges und konfliktträchtiges Problem vollständige Lösungsvorschläge erarbeitet. Abbildung 2 zeigt das Ergebnis der einfachen Mehrheitsabstimmung: Vorschlag 2 (V2) gewann die Abstimmung mit einer relativen Mehrheit von 25% der 36 Teilnehmer.

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Abb.2

Dieses Ergebnis führte jedoch zu hitzigen Debatten. Ein Großteil der Mitarbeiter wollte die Wahl nicht anerkennen. Auch eine Stichwahl zwischen V2 und V5 brachte keine Beruhigung des Konflikts. Schließlich nahm die Leitung Abstand davon, die Wahl anzuerkennen und wandte sich an die Entwickler des Systemischen Konsensierens.

Nach kurzer Erklärung der Vorgehensweise und Einführung der Nulllösung („Alles bleibt beim Alten“) wurden Konsensierungszettel zum Ausfüllen ausgeteilt. Jeder der nun acht Vorschläge konnte mit 0-10 Widerstandspunkten bewertet werden. In Abbildung 3 zeigen die roten Balken die Ablehnung oder den Gesamtwiderstand der Gruppe gegen die einzelnen Vorschläge nach Durchführung des systemischen Konsensierens an.

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Abb.3

Systemisches Konsensieren machte die Ursache des Konfliktes offenbar: ausgerechnet V2, der nach dem herkömmlichen Mehrheitswahlrecht zunächst gewonnen hatte, war zugleich der Vorschlag, der die größte Ablehnung in der Gruppe erzeugte.

Die Vorschläge lassen sich schließlich noch nach der Akzeptanz (= nicht verwendete Widerstandsstimmen) ordnen. Die Null-Lösung erscheint dabei als Trennbalken zwischen den Vorschlägen, die von der Gruppe als Verbesserung bzw. als Verschlechterung gegenüber der bisherigen Lösung angesehen werden. Als im Beispiel das Ergebnis wie in der Abbildung 4 für alle sichtbar graphisch dargestellt wurde, brach Jubel in der Gruppe aus.

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Abb.4

Da die Null-Lösung an dritter Stelle lag, war für alle Beteiligten offenkundig, dass alle schlechter gereihten Vorschläge als Lösung nicht in Betracht kamen. Sowohl V2, der nach dem Mehrheitsprinzip zunächst gewonnen hatte, als auch V5, der an zweiter Stelle stand, schieden somit aus.

Abstimmungen im Netz:

Auf https://www.konsensieren.eu/de/ steht ein Online-Tool für Abstimmungen nach dem SK-Prinzip zur Verfügung.

Systemisches Konsensieren wird eines Tages auch mit Millionen oder Milliarden Stimmberechtigten funktionieren, sobald entsprechende Software existiert. Jeder kann Vorschläge einbringen. Vorschläge, die gut bewertet werden also wenig Widerstand erhalten, steigen im Ranking auf. Die Stimmberechtigten können auswählen, ob sie nur Favoriten bewerten wollen, oder auch Vorschläge, die bisher am wenigsten bewertet wurden. So hat jeder Vorschlag gleiche Chancen.

Schnelle und ausführliche Varianten

Systemisches Konsensieren bietet sowohl schnelle, als auch ausführliche Varianten, je nachdem, wie wichtig eine Entscheidung ist und wieviel Zeit sich eine Gruppe dafür nehmen möchte, eine tragfähige Lösung zu erarbeiten.

Ein Beispiel für eine schnelle Entscheidung: Ein Professor möchte die Studierenden abstimmen lassen, ob der letzte Vorlesungstermin vor Weihnachten stattfinden oder ausfallen soll. Er fragt: „Wie groß ist ihr Widerstand, wenn wir die Vorlesung stattfinden lassen?“ Die Studierenden können beide Hände heben um einen maximalen Widerstand auszudrücken, eine Hand, um einen mittleren Widerstand auszudrücken oder sie können beide Hände unten lassen, um auszudrücken, dass sie keinen Widerstand gegen diese Lösung haben. Alle Hände werden zusammengezählt und die Summe wird notiert. Dann fragt der Professor: „Wie groß ist ihr Widerstand, wenn wir die Vorlesung ausfallen lassen?“ Der Vorschlag der den geringsten Gesamtwiderstand erreicht, gilt als gewählt.

Vorteile: Nach der Herkömmlichen Mehrheitswahl würde man nach Zustimmung zu Vorschlag A, Zustimmung zu Vorschlag B und Enthaltungen fragen. Beim Systemischen Konsensieren kann die Frage nach den Enthaltungen entfallen, da Enthaltungen durch „2 x kein Widerstand“ ausgedrückt werden können. Bei der herkömmlichen Mehrheitswahl werden Unentschlossene relativ beliebig entscheiden. Systemisches Konsensieren bringt die wirklichen Befindlichkeiten besser zum Ausdruck und führt damit zu einer größeren Zufriedenheit in der Gruppe.

Erweitertes Konsensieren (Kreative Kommunikation)

Will eine Gruppe für eine beliebig komplexe Fragestellung eine tragfähige Lösung erarbeiten und sich dafür ein paar Stunden Zeit nehmen, bietet das Systemische Konsensprinzip eine strukturierte Vorgehensweise.

Ein Moderator sammelt zunächst Beiträge aus der Gruppe auf Flip-Charts:

  • Aufgabenstellung („Wie lautet das zu lösende Problem?“)
  • Übergeordnete Fragestellung („Was wollen wir erreichen?“)
  • Kriterien einer guten Lösung („Welche Kriterien sollte eine gute Lösung erfüllen?“)

Anschließend werden Lösungsvorschläge gesammelt und besprochen:

  • Vor- und Nachteile der Vorschläge
  • Vorläufige Bewertung der Vorschläge (Stimmungsbild)
  • Gründe für Restwiderstände erkunden: Es folgt eine kreative Phase, in der die Teilnehmenden die Widerstände gegenseitig erkunden, um die Vorschläge weiterzuentwickeln. Für die Anpassung der Vorschläge können diese Fragen verwendet werden: „Welche Bedürfnisse sind für Dich bei meinem Vorschlag nicht erfüllt?“, „Wie könnte ich meinen Vorschlag so verändern, dass Du weniger Widerstandspunkte gibst?“
  • Vorschläge anpassen (oder neue Vorschläge einbringen)

Nach der abschließenden Bewertung der Vorschläge erhält man als Ergebnis eine Rangordnung der Vorschläge bezüglich ihrer Nähe zum Konsens.

Systemisches Konsensieren und herkömmliche Konsensverfahren

Herkömmliche Konsensverfahren beruhen meist darauf, dass alle Teilnehmenden ein Vetorecht haben (Beispiel: Weltsicherheitsrat). Der Einzelne erhält dadurch die Macht, die Entscheidung der Gruppe zu blockieren. Dieses Verständnis von „Konsens“ übersieht allerdings, dass „keine Entscheidung“ auch eine Entscheidung ist, die der Gruppe in einem solchen Falle von einer einzelnen Person aufgezwungen werden kann. Wer nicht als Blockierer gelten möchte, wird seinen gefühlten inneren Widerstand daher möglicherweise zurückhalten.

Da beim Systemischen Konsensieren die Nulllösung einfach mitbewertet wird, kann keine einzelne Person die Entscheidung blockieren. An dur Stelle des Zwangs zum Konsens tritt die größtmögliche Annäherung an den Konsens. Dadurch haben alle gleiche Chancen, ihren gefühlten inneren Widerstand authentisch und ehrlich auszudrücken.

 

Mehr Informationen zum Systemischen Konsensieren

Was ist Systemisches Konsensieren

Online-Tool zum Konsensieren