Archiv für den Monat: Oktober 2017

Beispiele zu systemischem Konsensieren

Wie funktioniert systemisches Konsensieren in der Praxis? Was haben wir erlebt?

Hier sind zwei Beispiele zu systemischem Konsensieren.

Beispiel 1: An welchem Wochentag wollen wir uns regelmäßig treffen?

2016 haben Bernd und Jürgen systemisches Konsensieren und Konsent-Moderation in einem Blog-Eintrag nebeneinander gestellt, und zur Veranschaulichung des systemischen Konsensierens dieses einfache Beispiel verwendet, weil diese Frage in der Praxis oft vorkommt:

An welchem Wochentag wollen wir uns regelmäßig treffen?

Da ist es gut, wenn man neben der Mehrheitswahl oder der Order de Mufti (einer entscheidet) noch andere Verfahren wie systemisches Konsensieren kennt und anwenden kann.

Damals war mir wichtig, moderne kooperative Verfahren zur Entscheidungsfindung zu präsentieren, die effektiv und wirksam sind. Inzwischen möchten wir auch betonen, dass systemisches Konsensieren (und auch der Konsent) kreativitätsfördernde und konfliktlösende Methoden sind.

 

Warum konfliktlösend?

Es geht nicht darum, dass ein Vorschlag gewinnt, sondern dass wir uns viele Vorschläge anschauen und unseren Widerstand dazu messen. Damit verändert sich die Gruppendynamik, und wir bewegen uns aufeinander zu. Das erreichen wir durch Wertschätzung für jeden Vorschlag und der Trennung zwischen Mensch und Vorschlag. Wenn wir den Menschen zuhören und verstehen wollen warum sie hohen Widerstand gegen unseren Vorschlag haben, ist es sehr leicht auch ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen und nach einer Lösung zu suchen, die alle einbezieht.

Warum kreativitätsfördernd?

Jeder kann Vorschläge einbringen. Und wir können unsere Vorschläge verbessern, damit andere weniger Widerstand haben.

Wie funktioniert das jetzt mit dem einfachen Beispiel der 5 Wochentage?
Wo ist da die Kreativität?

Tatsächlich war das Beispiel in Blog rein fiktiv. Ich habe es kurz darauf allerdings auch real angewendet und kam zu diesen Widerstandswerten:

Daraus lässt sich ableiten:

  • Gegen Donnerstag und Freitag gibt es hohe Widerstände
  • Keinen festen Wochentag zu verwenden (also die Passivlösung: es bleibt alles wie es war) hat noch höhere Widerstände
  • Der Abstand zwischen Mo, Di und Mi ist beim Widerstand noch geringer als bei der Zustimmung.

Als Moderator stand ich vor dem Flipchart und dachte mir: und jetzt? Wir haben kein eindeutiges Ergebnis. Was tun?

Da kam aus von einem Teilnehmer der kreative Vorschlag: Wie wäre es, wenn wir uns abwechselnd Mo, Di und Mi treffen? Dann verwenden wir die Tage an denen wir am wenigsten Widerstand haben und es trifft nicht immer die gleichen, sondern jeden alle 3 Monate einmal.

Dieser Vorschlag wurde mit Null Widerstand angenommen.

Das ist ein schönes Beispiel, wie eine Gruppe in einer kooperativen Grundhaltung kreativ werden kann.

 

Beispiel 2: Zeitplan für Workshop mit Teilnehmern bestimmen

Das zweite Beispiel ist tatsächlich auch so passiert. Diese Geschichte zeigt wie sich die Stimmung von Widerstand zu Kooperationsbereitschaft verändert.

Ein Seminarleiter ließ mit SK über die Seminarzeiten abstimmen. Die zehn Teilnehmer sollten eine Lösung finden, wie 15 Seminarstunden auf drei Tage zu verteilen sind.

Nach der Vorschlagssammlung und der Abstimmung hatte zunächst ein Vorschlag mit 70 % Akzeptanz gewonnen.

Der Seminarleiter fragte: „Hat da nicht bei diesem Vorschlag eine Person noch 10 Widerstandspunkte gegeben?“ Eine Person meldete sich: „Ja, das war ich. Am Sonntag um 9:00 Uhr ist mir zu früh. Da komme ich nicht.“

Eine weitere Person schlug daraufhin vor: „Dann fangen wir eben am Sonntag um 9:30 Uhr an.“

Dieser Vorschlag wurde anschließend mit einer Akzeptanz von 93 % gewählt. Die Person, die zuvor noch 10 Widerstandspunkte gegeben hatte, hatte nun nur noch 7 gegeben, alle anderen Teilnehmer hatten den Vorschlag mit „null“ bewertet.

Ganz erstaunt fragte die Person: „Ich verstehe nicht, was gerade passiert ist. Die anderen mir doch entgegengekommen. Warum geben sie plötzlich gar keinen Widerstand mehr?“

Der Seminarleiter antwortete: „vielleicht wollten sie dich einfach dabei haben“. Daraufhin meinte der Teilnehmer: „Mein innerer Widerstand schmilzt gerade auf nur noch 3 Widerstandspunkte.“

Womit der Vorschlag eine Akzeptanz von 97 % erreicht hatte. Mit einem Mal veränderte sich die Atmosphäre im Raum. Alle Anwesenden erlebten ein Gefühl der Rührung und Verbundenheit. Mit SK war in kürzester Zeit ein gemeinsamer Spirit entstanden.

Der Teilnehmer erschien an besagtem Sonntag pünktlich um fünf Minuten vor halb zehn.

 

Jürgen und Bernd